Karriereentwicklung für
Wissenschafterinnen - 10 Jahre Hertha-Firnberg-Programm
Eine Rundschau über 10
Jahre erfolgreicher Karriereförderung für Wissenschafterinnen
Im Juni 1998 ging der FWF mit einer Pressemeldung an die
Öffentlichkeit, welche die erstmalige Ausschreibung des
Hertha-Firnberg-Programms zum Inhalt hatte. Die Motive für
dieses neue Förderangebot wurden mit folgenden Worten
beschrieben, die auch noch heute, nach zehn Jahren und 113
Bewilligungen, nicht anders klingen würden:
"Die Hertha-Firnberg-Nachwuchsstellen sind als Förderungsmaßnahme
ausschließlich für Frauen konzipiert mit der Zielsetzung,
die wissenschaftlichen Karrierechancen des weiblichen Nachwuchses
zu verbessern. Den Nachholbedarf der Frauen auf diesem Gebiet
zeigen die statistischen Zahlen zu den in der Lehre tätigen
Frauen an Österreichs Universitäten."
Bei der ersten Vergabe der Hertha-Firnberg-Stellen im März
1999 wurde über eine Zahl von 50 % Erstinskribentinnen
an den österreichischen Universitäten berichtet,
dem stand bei den ordentlichen ProfessorInnen nur einen Frauenanteil
von 4,4 % gegenüber. 2006 lag der Anteil an Universitätsprofessorinnen
- weiterhin zu Recht mit dem Zusatz "nur" versehen
- immerhin schon bei 14,2 %. Ein Förderangebot zur Erhöhung
der Karrierechancen junger weiblicher Postdocs ist damit auch
zehn Jahre später noch notwendig. Und wenn sich der Zeitfaktor
in der Progression dieser Statistik vielleicht auch noch erhöht,
dann - und nichts anderes ist der Zweck eines guten Zielgruppen-Förderprogramms
- rationalisiert sich die "Frauenförderung"
wohl irgendwann einmal selbst weg.
Disziplinen
Seit 1998 wurden insgesamt 420 Firnberg-Projekte beim FWF
eingebracht. 189 (45 %) davon stammten aus dem Bereich Medizin
und Biologie; 151 Anträge (36 %) kamen aus den Geistes-
und Sozialwissenschaften und 80 (19 %) waren naturwissenschaftlich-technische
Projekte. 108 Firnberg-Stellen wurden bis Ende 2007 bewilligt
und auch angetreten (dazu kommen fünf weitere, die im
Juni 2008 bewilligt wurden).
Die Verteilung der Bewilligungen spiegelt in etwa die Antragsverteilung
wieder: 42 Anträge aus Biologie und Medizin (das sind
39 % aller Bewilligungen), 38 aus den Geistes- und Sozialwissenschaften
(33,6 %) , und 28 (27,4 %) naturwissenschaftlich-technische
Projekte wurden finanziert. Der Anteil naturwissenschaftlich-technisch
forschender Frauen in diesem Programm ist zwar noch am geringsten,
die Projekte haben jedoch eine sehr hohe Erfolgsquote.
Forschungsstätten
Von den bis 2007 bewilligten und angetretenen Projekten ging
der überwiegende Anteil (64 % bzw. 69 Wissenschafterinnen)
nach Wien: Spitzenreiter ist die Universität Wien mit
43 Stellen, an der Medizinischen Universität Wien wurden
11 Stellen angetreten, an der Technischen Universität
Wien 6, an der Universität für Bodenkultur 4, 2
Firnberg-Stellen jeweils an der Veterinärmedizinischen
Universität Wien und der Akademie der bildenden Künste
und schließlich ein Firnberg-Projekt an der Wirtschaftsuniversität.
Nach Wien folgt Innsbruck mit 12 Stellen an der Universität
Innsbruck und 5 an der Medizinischen Universität Innsbruck;
in Graz verteilen sich 12 Stellen auf die Universität
Graz (6), die Technische Universität Graz (4) sowie auf
die Medizinische Universität Graz (2); die Universität
Salzburg verzeichnet 7 Stellen; die Universität Linz
2 und eine auch die Katholisch-Theologische Privatuniversität
Linz. Im Dezember 2007 waren 63 Projekte abgeschlossen, 45
noch laufend.
Karriere
Ende 2007 hat der FWF im Rahmen eines Monitoring-Prozesses
Fragebögen an alle Firnberg-Stelleninhaberinnen geschickt.
Durch eigene Recherchen ergänzt, ergibt sich folgendes
Bild: Insgesamt habilitierten bislang 28 Hertha-Firnberg-Stelleninhaberinnen,
es gab 7 Berufungen, davon 4 im Ausland; wissenschaftlich
tätig als Postdoc, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen,
Assistentinnen etc. sind 43, davon 18 auf Drittmittel-Stellen
(hiervon 12 FWF-gefördert durch Einzelprojekte, Elise-Richter-Stellen
oder START-Preise); 5 Frauen befinden sich in leitender Position
v.a. im Wissenschaftsmanagement; als freischaffende Wissenschafterinnen
bezeichnen sich zwei; eine ehemalige Projektleiterin ist Assistenzärztin,
eine ist in der Politik tätig. Mit zwei Nennungen "derzeit
ohne Beschäftigung" und "nicht mehr in der
Forschung tätig" ist die Drop-out-Quote gering.
Programmentwicklungen
Aus verschiedenen Studien wird deutlich, dass die Drop-out-Quote
unter Wissenschafterinnen im Laufe der Postdoc-Phase am höchsten
ist. Beträgt der Anteil von Frauen unter den Promovierten
noch 31 %, fällt er auf 10 % habilitierte weibliche Vollzeitstellen.
Ähnliches lässt sich in den FWF-Programmen verfolgen:
Den höchsten Anteil an Frauen gibt es innerhalb des Schrödinger-Programms
mit 35,8 %, unter den ProjektleiterInnen bei Einzelprojekten
finden sich nur mehr 17,8 % Frauen. Über eine Erklärung
kann man nur mutmaßen: Möglicherweise liegen die
Gründe in den maßgeschneiderten Konditionen, die
die Frauenprogramme den Wissenschafterinnen bieten. Ein Rückblick
mag dies verdeutlichen: 1992 erfolgte der Startschuss der
spezifischen Frauenförderung mit der Einführung
des Charlotte-Bühler-Habilitations-Stipendiums für
Frauen zur Förderung des Hochschullehrernachwuchses.
Um junge Wissenschafterinnen am Beginn ihrer Karriere und
beim Wiedereinstieg nach der Karenz größtmöglich
zu unterstützen und in den Universitätsbetrieb zu
integrieren, wurde das Hertha-Firnberg- Programm 1998 eingeführt.
Die ersten beiden Stellenvergaben fanden 1999 statt.
Von Anbeginn wurden die Stellen feierlich (durch die/den
jeweils zuständige/n BundesministerIn bzw. FWF-Präsidenten)
verliehen, und der FWF war von Anbeginn bestrebt, die Wissenschafterinnen
und ihre Projekte publik zu machen. Wie wichtig Netzwerkbildung
gerade für Frauen ist, hat der FWF schon früh erkannt
und im Jahr 2000 den ersten Hertha-Firnberg-Workshop organisiert.
Seitdem werden jährlich alle Stelleninhaberinnen zu einem
zweitägigen Workshop eingeladen, dessen Ziel der Erfahrungsaustausch
und die Netzwerkbildung durch die Stelleninhaberinnen ist.
Zusätzlich ermöglicht das Programm den Projektleiterinnen
im Rahmen ihrer Stelle Lehrerfahrung zu sammeln. In der Person
des Mitantragstellers/der Mitantragstellerin soll den Stelleninhaberinnen
am Institut ein/e MentorIn sowohl in persönlicher als
auch fachlicher Hinsicht zur Seite stehen.
Es mögen all diese kleinen, aber feinen Programmcharakteristika
sein, die die Attraktivität des Programms ausmachen.
In jedem Fall wurde an der rückläufigen Nachfrage
nach dem Charlotte-Bühler-Stipendium sehr bald deutlich,
dass dieses "reformbedürftig" war, während
die Antragszahlen für das Hertha-Firnberg-Programm stetig
stiegen. Lange Überlegungen zur Umgestaltung der Frauenförderungsmaßnahmen
konnten unter Georg Wick konkretisiert werden. Die Empfehlungen
des RFTE zur Reformierung des Stipendienwesens gaben einen
weiteren Anstoß und dank der Finanzierung des BMBWK
konnte im Herbst 2005 erstmals das Elise-Richter-Programm
ausgeschrieben werden.
Die Konzeption des Programms wurde maßgeblich durch
einen lebendigen Dialog mit den betroffenen Wissenschafterinnen
beeinflusst. Ein Dialogforum existiert mit den jährlichen
Workshops, bei welchen jeweils ein Abend für ein Zusammentreffen
mit Vertreterinnen des FWF reserviert ist. Auf diese Weise
erfährt der FWF direkt von den Bedürfnissen der
Forscherinnen.
Status quo
Eine Umfrage im Jahr 2004 unter den Projektleiterinnen, deren
Stellen zu dem Zeitpunkt bereits beendet waren, ergab ein
homogenes Stimmungsbild: Die Forscherinnen waren mit der Gestaltung
des Firnberg-Programms, das ihnen im Rahmen eines Angestelltenverhältnisses
an der Uni größtmögliche Freiheit sowie die
Möglichkeit zu lehren und zu forschen bietet, inklusive
der Plattform zur Vernetzung und Kommunikation, sehr zufrieden.
Der Hauptkritikpunkt war die kurze Förderdauer ohne Verlängerungsmöglichkeit.
Zur Gestaltung des eingeforderten "Anschlussprogramms"
kamen viele konkrete Ideen und Wünsche.
Aus all diesen Komponenten entstand das Elise-Richter-Programm,
das höchst flexibel gestaltbar ist, gerade für Forscherinnen,
deren Karrieren oftmals etwas "anders" verlaufen
als bei Männern. Naturgemäß sind für
diesen "anderen" Verlauf auch Kinder ein Grund,
aber Karriere und Familie sind vereinbar. Immerhin wurden
in den zehn Jahren Hertha Firnberg insgesamt 30 "Laufzeit-Kinder"
geboren. Für viele Fragen wurden Lösungen gesucht:
Vielleicht ist es gerade das Frauennetzwerk der Geförderten
und ein wenig auch der Förderer, die die Forscherinnen
zum Weitermachen ermutigen. Und Ermutigungen haben oftmals
großartige Früchte getragen: von zusätzlichen
Geldern durch Projektanträge über einen gewagten
Wiedereinstieg nach kurzer Karenzzeit bis hin zu bedeutenden
Wissenschaftspreisen.
Portal
Um die informelle Kommunikation und das Networking über
die Workshop-Treffen zu erleichtern, öffnet der FWF zum
10. Geburtstag des Hertha-Firnberg-Programmes ein Portal,
welches ein Forum zur Kommunikation sein soll: www.firnberg-richter-portal.at
Bei einer Verleihung hat die Medienwissenschafterin Natascha
Just in ihrer Dankesrede sinngemäß gemeint, die
Firnberg-Frauen bedankten sich für die Förderung,
seien sich aber ihrer eigenen guten Leistung bewusst, für
die sie hart gearbeitet und aufgrund der sie sich die Stelle
auch verdient hätten! Das kann der FWF nur bestätigen,
wir freuen uns jedes Jahr über jede verliehene Stelle,
über jeden Erfolg der Wissenschafterinnen!
Denn mit jeder einzelnen Karriere, mit jeder Stelle und jedem
Projekt von Wissenschafterinnen ist ein Schritt weiter getan
auf dem langen Weg zur gleichverteilten Repräsentanz
der Geschlechter an den Hochschulen. Es ist eine Freude, auf
zehn Jahre erfolgreiches Hertha-Firnberg-Programm zurückzublicken.
Aber was noch vor uns liegt, das zählt! Und damit auch
der Tag, an dem ein Karriereförderungsprogramm für
Wissenschafterinnen obsolet geworden ist.
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